Woher kommt dein Hund? Warum die Herkunft mehr verrät, als du denkst
Wenn ich im Erstgespräch nach dem Hund frage – woher er kommt, wie er aussieht, was er zeigt –, dann passiert manchmal etwas Interessantes. Ich sage, was ich vermute, was in diesem Hund stecken könnte. Und die Menschen auf der anderen Seite sind verblüfft. Woher ich das weiß?
Weil Herkunft kein Zufall ist. Weil Hunde durch ihre genetischen Anlagen, ihre ursprüngliche Funktion und ihre bisherigen Erfahrungen geprägt werden. Und weil ich über viele Jahre, viele Hunde und einige eigene Vierbeiner gelernt habe, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen.
Dieser Artikel ist kein Pauschalurteil. Jeder Hund ist ein Individuum, und natürlich gibt es immer Ausnahmen. Aber wer ungefähr versteht, woher sein Hund kommt und welche Hunde in seiner Herkunftsregion typischerweise leben, hat einen entscheidenden Vorteil: Er sieht seinen Hund mit anderen Augen. Und er hört auf, Dinge zu erwarten, die dieser Hund möglicherweise schlicht nicht mitbringt.
Spanien, Portugal und die Inseln – Jäger, Windhunde und Bardinos
Pico war mein erster Hund aus Spanien. Ein Bardino-Golden-Retriever-Mix, der 2019 verstorben ist – und der Namensgeber meiner Hundeschule. Er war der Hund, der mich vieles gelehrt hat, auch über Herkunft und Charakter.
Mein Wilson ist ebenfalls ein Bardino-Mix, vermutlich mit Galgo oder Podenco – von Fuerteventura, einer Insel im Atlantik, auf der die Bardinos als Arbeitshunde eine lange Geschichte haben. Robust, eigenständig, mit einem Jagdtrieb, der sich bei Wilson erst mit der Zeit wirklich gezeigt hat.
Aus Spanien und Portugal kommen viele Jagdhundmischlinge: Galgos, Podencos, Bracken, Pointer-Mischlinge. Hunde, die für spezifische Aufgaben gezüchtet wurden – zum Teil von Jägern, zum Teil als Straßenhunde, die sich eigenständig durchs Leben schlagen mussten.
Was diese Hunde oft mitbringen: Drinnen sind sie bemerkenswert ruhig. Besonders Podencos werden immer wieder mit Katzen verglichen – sie können stundenlang entspannt liegen, kaum Aufmerksamkeit einfordern und machen sich fast unsichtbar im Haus. Das täuscht. Draußen schaltet sich ein ganz anderer Modus ein. Der Jagdtrieb ist tief verankert. Je nach Hundetyp und individueller Veranlagung können unterschiedliche Aspekte des Jagdverhaltens im Vordergrund stehen: Manche Hunde reagieren besonders stark auf Bewegungsreize, andere verfolgen intensiv Geruchsspuren. Bei vielen Jagdhunden greifen mehrere dieser Fähigkeiten ineinander. Wenn das Jagdverhalten einmal ausgelöst ist, kann der Rückruf deshalb eine große Herausforderung sein.
Wer sich einen Galgo oder Podenco wünscht, der frei laufen darf, sollte wissen: Mit gezieltem Training können viele dieser Hunde lernen, sich stärker am Menschen zu orientieren und auch bei Ablenkungen ansprechbar zu bleiben. Ob ein Hund später sicher ohne Leine laufen kann, hängt jedoch von seiner individuellen Veranlagung, seiner Vorgeschichte, dem Trainingsstand und der jeweiligen Umgebung ab. Eine Schleppleine und ein sicher eingezäunter Garten gehören deshalb gerade am Anfang zur Grundausstattung.
Was diese Hunde häufig auf der positiven Seite mitbringen: In meiner Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass Hunde aus Spanien und Portugal Menschen gegenüber offener und weniger misstrauisch waren als viele Hunde aus osteuropäischen Herkunftsregionen. Natürlich gilt das nicht für jeden Hund. Aber diese Beobachtung habe ich über die Jahre immer wieder gemacht.
Das kann den Einstieg ins Zusammenleben erleichtern. Die Herausforderung liegt bei vielen dieser Hunde eher draußen – beim Jagdverhalten, bei der Orientierung am Menschen und bei der Impulskontrolle. Denn eigenständige Jäger haben häufig gelernt, ihre Umwelt selbstständig zu erkunden und Entscheidungen zu treffen. Sich am Menschen zu orientieren, muss deshalb oft erst gemeinsam aufgebaut werden.
Osteuropa – wenn im Mischling mehr steckt, als auf dem Papier steht
Abbys Mutter Maya kam aus Ungarn. Sie wurde trächtig nach Deutschland vermittelt, und die Welpen – darunter Abby – wurden hier geboren. Auf dem Papier waren es Hunde aus Deutschland. Ihre Geschichte begann jedoch schon früher.
Abby und ihre Wurfgeschwister waren als junge Hunde leicht zu überfordern und reagierten empfindlich auf Stress. Ich vermute, dass auch die Belastung ihrer Mutter durch den Transport während der Trächtigkeit und die Ankunft in einem neuen Zuhause dazu beigetragen hat. Denn die Entwicklung eines Hundes wird nicht erst nach seiner Geburt beeinflusst.
Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien – aus diesen Ländern kommen viele Hunde in den deutschen Tierschutz. Und was ich immer wieder erlebe: Die Menschen wissen oft nicht, was wirklich in diesen Hunden steckt.
In vielen dieser Regionen hatten Hunde über Generationen hinweg eine Funktion: als Wachhunde auf Höfen, als Herdenschutzhunde auf Weiden oder als eigenständige Straßenhunde, die ihr Leben selbst organisiert haben. Diese Geschichte kann sich in den genetischen Anlagen der Mischlinge widerspiegeln, auch wenn von außen nichts darauf hindeutet.
Was das konkret bedeuten kann: Manche Hunde aus Osteuropa sind Menschen gegenüber zunächst misstrauisch. Nicht unbedingt, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, sondern manchmal schlicht deshalb, weil sie Menschen nie als verlässliche Bezugspersonen kennengelernt haben.
Manche nehmen Futter aus der Hand, obwohl sie dem Menschen noch nicht vertrauen. Futterannahme allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie sicher sich ein Hund in einer Situation fühlt. Vertrauen entsteht durch wiederholte, verlässliche und für den Hund gut einschätzbare Erfahrungen – nicht dadurch, dass man ihn mit Futter zu Nähe bewegen möchte.
Um zu verstehen, was ein Herdenschutzhund mitbringen kann, lohnt sich ein kurzer Blick auf das, wofür er gezüchtet wurde: Er lebt mit der Herde – Tag und Nacht, bei jedem Wetter, in unwegsamem Gelände. In Regionen, in denen große Beutegreifer wie Wölfe oder Bären vorkommen, gehörte auch der Schutz vor diesen Tieren zu seinen Aufgaben.
Dafür waren Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Wachsamkeit und die Fähigkeit, Situationen eigenständig einzuschätzen, wichtig. Je nach Rasse und individuellem Hund können diese Eigenschaften bis heute deutlich ausgeprägt sein. Ein Herdenschutzhund muss Gefahren erkennen und einschätzen können, ohne bei jeder Entscheidung auf eine Anweisung des Menschen zu warten. Sein ursprünglicher Auftrag ist der eigenständige Schutz der Herde. Genau diese Aufgabenstellung hat ihn über Generationen geprägt.
Hunde mit Herdenschutzhund-Anteilen – kurz HSH – bringen diese Eigenständigkeit häufig mit. Bei manchen Herdenschutzhunden werden Wach- und Territorialverhalten mit zunehmender sozialer Reife deutlicher. Ein junger HSH-Mix, der mit einem Jahr noch ganz umgänglich wirkt, kann mit zwei oder drei Jahren beginnen, deutlich zu zeigen, was in ihm steckt: ein Hund, der sein Territorium und seine Menschen schützen möchte. Deutliches Bellen, Misstrauen gegenüber Fremden oder ein klares Veto, wenn Besuch sich nähert, können Ausdruck dieses Verhaltens sein. Das ist nicht automatisch Fehlverhalten, sondern kann mit dem ursprünglichen Arbeitsinstinkt zusammenhängen.
Und ja: Hunde mit HSH-Anteilen können beißen. Wie bei jedem Hund gilt auch hier, dass es unter bestimmten Umständen zu Droh- oder Beißverhalten kommen kann. Bei Hunden mit ausgeprägtem Territorial- oder Schutzverhalten ist es besonders wichtig, Warnsignale ernst zu nehmen, Begegnungen vorausschauend zu gestalten und den Umgang mit Besuch von Anfang an sicher zu organisieren.
Wer solche Eigenschaften kennt und berücksichtigt, kann Risiken häufig frühzeitig erkennen und ihnen vorbeugen. Wer sie nicht kennt, steht womöglich plötzlich vor einer Situation, die bereits eskaliert ist.
Zu den traditionellen Herdenschutzhunderassen in Osteuropa gehören beispielsweise der Ciobănesc Românesc Mioritic und der Ciobănesc Românesc Carpatin in Rumänien sowie der Komondor und der Kuvasz in Ungarn. Dazu kommen zahlreiche Mischlinge, bei denen man von außen oft nicht zuverlässig erkennen kann, welche Rassen beteiligt sind. Bestimmte Verhaltensweisen können Hinweise geben, beweisen aber keine bestimmte Abstammung.
Wenn du mehr über Hunde aus dem Tierschutz erfahren möchtest – was sie mitbringen, warum sie so ticken und worauf es im Alltag ankommt –, halte ich am 6. November einen Vortrag an der VHS Bonn: Tierschutzhunde – Was gibt es dabei besonders zu beachten? Melde dich gerne an.
Italien – nicht nur Pasta und Wein
„Das soll ein Golden Retriever Mix sein“ – diesen Satz höre ich regelmäßig, wenn jemand mit einem großen, weißen, flauschigen Hund aus Italien zu mir kommt. In meiner Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass solche Hunde als Golden-Retriever-Mixe vermittelt wurden, obwohl für mich sowohl das Erscheinungsbild als auch das gezeigte Verhalten deutlich auf einen Maremmano-Abruzzen-Schäferhund-Mix hindeuteten.
Wunderschön, beeindruckend – und häufig mit den typischen Eigenschaften eines Herdenschutzhundes: wachsam, eigenständig und mit einem ausgeprägten Schutz- und Territorialverhalten.
Aus Italien kommen sehr unterschiedliche Hunde. Dazu gehören jagdlich geführte Laufhunde wie der Segugio, aber auch Herdenschutzhunde wie der Maremmano-Abruzzen-Schäferhund. Der Cane Corso wiederum bringt eine andere rassegeschichtliche Prägung mit, unter anderem als Wach- und Gebrauchshund.
Was für diese Hunde gilt, ist ähnlich wie bei osteuropäischen Herdenschutzhunden: Sie können wunderbare Begleithunde sein. Aber man muss wissen, welche Eigenschaften sie mitbringen und welche Bedürfnisse daraus entstehen können.
Ein Maremmano-Mix braucht verlässliche Regeln, Orientierung und ein durchdachtes Management von Anfang an – nicht aus Härte, sondern damit er sich nicht selbst für sämtliche Entscheidungen verantwortlich fühlen muss. Und ein Herdenschutzhund, der über längere Zeit selbst entschieden hat, wer sich seinem Zuhause nähern darf, braucht möglicherweise mehr Unterstützung beim Erlernen neuer Verhaltensweisen als ein Hund, bei dem von Anfang an passende Abläufe etabliert wurden.
Was du mit diesem Wissen anfangen kannst
Die Herkunft deines Hundes erklärt nicht alles. Aber sie kann helfen, vieles besser zu verstehen.
Ein Hund aus einer Straßenhundpopulation in Rumänien hat möglicherweise gelernt, sich selbstständig durch eine für ihn unübersichtliche Welt zu bewegen. Ein Galgo oder Podenco kann eine ausgeprägte Reaktion auf Bewegungsreize mitbringen. Ein Maremmano-Mix zeigt vielleicht ein starkes Wach- und Schutzverhalten.
Das sind keine Diagnosen und keine Vorhersagen. Es sind mögliche Ausgangspunkte, die uns helfen können, genauer hinzuschauen. Denn kein Hund ist kaputt, nur weil er sich anders verhält, als wir es erwarten. Und keiner braucht Mitleid, nur weil er eine besondere Vorgeschichte hat. Was Hunde brauchen, sind Menschen, die sie verstehen und ihnen Sicherheit, Orientierung und passende Lernmöglichkeiten bieten.
Das bedeutet nicht, gegen die Natur des Hundes anzukämpfen. Es bedeutet, mit seinen individuellen Voraussetzungen zu arbeiten. Bei einem Hund mit ausgeprägtem Jagdverhalten kann es beispielsweise darum gehen, die Orientierung am Menschen zu verbessern und gleichzeitig verantwortungsvoll mit dem Freilauf umzugehen. Bei einem Hund mit Herdenschutzhund-Anteilen können ein durchdachtes Besuchsmanagement, klare Abläufe und ein sicherer Umgang mit Fremden besonders wichtig sein.
Wie viel Freilauf möglich ist, wie gut ein Hund mit Besuch zurechtkommt und welche Anforderungen er im Alltag hat, lässt sich nicht allein aus seiner vermuteten Rasse ableiten. Entscheidend sind immer der einzelne Hund, seine Erfahrungen und die Bedingungen, unter denen er lebt.
Was nicht in Ordnung ist: dass Menschen Hunde übernehmen, ohne ausreichend über ihre Vorgeschichte, ihre Bedürfnisse und mögliche Herausforderungen informiert zu werden. Wenn ein Verein einen Hund als „Golden Retriever Mix, familienfreundlich“ beschreibt, obwohl wichtige Hinweise auf ausgeprägtes Wach- oder Schutzverhalten bekannt sind, fehlen den zukünftigen Haltern entscheidende Informationen.
Das ist keine Kleinigkeit. Es kann darüber entscheiden, ob ein Hund langfristig in seinem neuen Zuhause bleiben kann oder ob Mensch und Hund aneinander vorbeileben.
Wenn du dich intensiver mit dem Thema Tierschutzhunde beschäftigen möchtest, halte ich am 06.11. einen Vortrag an der VHS Bonn mit dem Titel „Tierschutzhunde – Was gibt es dabei besonders zu beachten?“. 👉zur Anmeldung
Darin geht es darum, was Hunde aus dem Tierschutz mitbringen können, welche Herausforderungen im Zusammenleben entstehen und worauf es ankommt, damit Mensch und Hund gut zueinanderfinden.
Ich freue mich, wenn wir uns dort sehen!
Wenn du dir nicht sicher bist, was in deinem Hund steckt, oder wenn sein Verhalten nicht zu dem passt, was dir erzählt wurde, kann eine individuelle Einschätzung ein guter erster Schritt sein.
Melde dich gerne bei uns – wir schauen gemeinsam, was euch wirklich weiterhilft.










